Braunkohleproteste: 'Gelände Gelände' 2018 - Im Gespräch

Zwei Stunden. Über Asphalt, Feld, Wald und Wiese. Über Baumstümpfe hinweg, durch Polizeiketten hindurch. Dann noch den steilen Abhang zu den Gleisen der Hambachbahn hinunter. Selbst für sportlich Trainierte ist durchaus eine Herausfoderung. Ein 75jähriger Demonstrant aus München macht das alles mit. Ihn haben wir an den Schienen getroffen. Und mit ihm das folgende Gespräch geführt. Auf vielfachen Wunsch bei Twitter haben wir es in voller Länge online gestellt.

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'Ende Gelände' 2018 - Gewaltfreier Protest?

27. Oktober 2018
Aus einer Demonstration bewegen sich Hunderte Menschen heraus. Sie versuchen auf die Gleise der Hambach-Bahn zu kommen. Polizisten versuchen sie aufzuhalten. In einem Wald bei Morschenich kommt es zum Showdown. Ist das Hineinrennen in Polizeiketten noch gewaltfreier Protest? Diskutiert mit bei youtube.

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Hambacher Forst: Wie aus 40 über 40.000 werden ....

Eine Analyse von Fred Kowasch

Knapp ein Jahr ist die Szene her. An einem Montag Ende Oktober standen sich an der alten Auffahrt auf die A-4 im östlichen Hambacher Forst 40 Demonstranten und eine Hundertschaft Polizisten gegenüber. Gut Hundert Meter weiter wurden - im Auftrag von RWE - eifrig Bäume gefällt. Der WDR war mit einem Kamerateam vor Ort, RTL-West auch. Dazu: zwei, drei freie Journalisten mit kleinen Digitalkameras. Sonst war nicht viel los. An diesem grauen, kalten Nieselregentag.

Bis einer jungen Polizistin die Nerven durchgingen. Der ausgiebige Pfeffersprayeinsatz schaffte es dann immerhin in die lokalen Abendnachrichten. Bei youtube wurden die selbst gedrehten Bilder seitdem zehntausendfach geklickt. Von den Baumbesetzern im Wald und ihren Unterstützern kannte sie jeder.

Es ist immer wieder eines der großen Rätsel von Protestbewegungen, wie sie von ein paar Dutzend 'Aufrechten' zu einer Massenbewegung werden können. Wie sie es schaffen, anschlußfähig zu sein. Es ihnen geling - sprichwörtlich - in der 'Mitte der Gesellschaft' - anzukommen.


Dazu bedarf es - neben eines realen Problemes - auch des Durchhaltewillens der Demonstranten sowie einer fast schon bockig zu nennenden Ignoranz und Arroganz der Gegenseite. Im Fall des Hambacher Forstes spielte diese Rolle der Energiekonzern RWE mit beeindruckender Klarheit. Hinzu kam eine Landespolitik, die - wie im Fall des Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU) - sich vor dem Thema feige wegduckte. Oder wie sein Innenminister Herbert Reul (CDU) den harten, starken Mann gab. Faustschläge ins Gesicht gegen friedliche (und am Boden sitzende) Demonstranten kommen im Zeitalter der sozialen Medien - wo dieser Polizeieinsatz fast rund um die Uhr LIVE gestreamt wurde - öffentlich nicht gut an.

Und so wurde die Wut im Wald immer größer. Die bundesweite Aufmerksamkeit auch. Aus den monatlichen Spaziergängen des Waldpädagogen Michael Zobel mit ein paar hunderten Naturfreunden entwickelten sich wöchentliche Großdemonstrationen mit Tausenden aufgebrachter Menschen. Ich habe es bis dahin noch nicht gesehen, dass Kids, Ladies in Pelzmänteln, Omas und Opas zusammen mit Autonomen Barrikaden bauen.

Es gibt immer auch Überraschungen im Leben. Die Story rund um den Hambacher Wald ist so eine.

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Hambacher Forst: Wenn Falschmeldungen die Runde machen

9. September 2018 (update 11. September)
"Tunnelsystem im Hambacher Forst entdeckt". In fast allen deutschen Onlinemedien war Samstag diese Nachricht zu lesen. Quelle dieser Geschichte ist dieser Artikel in der Rheinischen Post. Am Abend dementierte die Polizei Aachen diese Meldung. Jedoch ist die Behauptung in der Öffentlichkeit wird sie von vielen Medien weiterhin verbreitet.

hambibleibt2Egal wer die Quelle für diese Falschmeldung war - ob sie aus Polizeikreisen stammt oder vom Verfassungsschutz lanciert wurde - es zeigt wieder einmal, wie die 'lieben Kollegen' so arbeiten. Behauptungen übernehmen, ohne die Quelle zu hinterfragen. Selbst einmal - vor Ort -  zu recherchieren. Wer einmal im Hambacher Forst unterwegs gewesen ist, weiß dass sich dieser Boden für Tunnelsysteme nicht eignet. Ein weitverzweigtes Tunnelsystem zu bauen hinterlässt Spuren. Sprich Abraum. Im Hambacher Fort ist davon nichts zu sehen. Aufgefallen wäre es Beobachtern auch, wenn Baumbesetzer und ihre Unterstützer Kubikmeter an Sand, Lehm und Kies aus dem Wald geschafft hätten.

Erst Anfang dieser Woche machte eine weitere Falschbehauptung die Runde. Da wurde im Polizeipräsidium Aachen angeblich jüngst gefundene 'Waffen' von Besetzern des Hamburger Forstes präsentiert. Darunter Messer, Wurfsterne und Zwillen. Merkwürdig nur, dass einige dieser präsentierten Gegenstände Eingeweihte an einen Polizeitermin aus dem Jahr 2016 erinnerten. "Das ist wohl etwas unglücklich gelaufen" bestätigten zwei Kontaktbeamte der Polizei am Mittwoch Mittag am Rande der Mahnwache am Hambacher Forst diese dubiose PR-Aktion.

Bestätigt ist: im Hambacher Forst und dem angrenzenden Camp halten sich auch Leute auf, die dem 'Schwarzen Block' nahestehen. Darunter auch zahlreiche Frauen. Auch die Zahl der in dem Artikel der 'Rheinischen Post' genannten Baumhäuser und Besetzer entspricht Eindrücken vor Ort. Erdlöcher gibt es, nur keine keine bisher festgestellten Tunnelsysteme.

Update: Mittlerweile haben die Besetzer des Hambacher Fortes zum Thema 'Tunnelsystem' selbst eine Stellungnahme abgegeben.

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"Unseren Engel haben sie zerstört" - Unterwegs im 'Gefahrengebiet'

von Fred Kowasch, Hambacher Forst

Mittwoch, 5. September 2018
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"Was ist das?!" Der Polizist hat meine alte schwarze Plastikplane in der Hand. "Können Sie behalten. Nehme ich als Unterlage, wenn ich mein Rad transportiere." Außerdem im Auto: eine löchrige Wolldecke, eine Regenjacke und ein Rucksack, mit zwei Wasserflaschen und Essen für den Tag. 

"Sie waren mir bisher der Symphatischste." Und dass scheinbar nur, weil ich ein paar freundliche Worte mit ihm gewechselt habe. Seit vier Uhr sei er im Einsatz. Wenn die Demo heute heute am späten Nachmittag beginne, habe er "hoffentlich" schon Dienstschluß.

"Unseren Engel haben sie zerstört". Der vermummte Jugendliche in Tarnkleidung ist hörbar traurig. Zusammen mit zwei weiteren ist er von den Baumhäusern auf den Waldboden gekommen, um die Reste der letzten Stunden einzusammeln.

Zuvor haben mehr als 100 RWE-Mitarbeiter hier alles abgeräumt. Holzpaletten, die grüne Infotafel, den bunten Wegweiser zu den anderen Siedlungen im Wald. Die RWE-Mitarbeiter - von denen fast keiner deutsch spricht - werden sekundiert von Polizisten in Kampfmontour. Vereinzelt liegen graue Porzellanstücke auf dem Waldboden. Es gehört schon viel Phantasie dazu, zu sehen dass das hier mal ein Engel war.

"Wir werde uns wehren" sagt der Besetzer im Interview. Gewalt sei eine legitime Option, "wenn sie uns angreifen und den Wald zerstören". Es gebe es jedoch verschiedene Gruppen mit unterschiedlichen Aktionsstrategien. Jede von ihnen sei aber eigenständig. Ähnlich habe ich dies auch schon von Leuten aus dem 'Schwarzen Block' gehört.

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